Melodien nicht nur am frühen Morgen

Immaterialität und ständige Abrufbarkeit sind Stichworte, die Musik in ihrer heutigen Erscheinung wohl am treffendsten charakterisieren. Auf dem stark frequentierten Weg in Richtung digitale Cloud stellt sich die Frage, wie es in Zukunft weitergehen wird. Klicks und Likes sind bereits die neuen Maßgrößen. Wer hört sich dabei noch ein ganzes Album an? Oder zumindest einen Song in vollem Umfang? Hans Platzgumer und Didi Neidhart behandeln diese und ähnliche Entwicklungen in ihrem Essay „Musik ist Müll“. Das digitale Überangebot lässt keine Chance auf Reizüberflutung aus und die Industrie recycelt nebenher brav mit.

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Insofern ist fast schon beruhigend mit anzusehen, dass es sie noch gibt: die eng verzweigten und oftmals ineinander verwobenen Gewächse, welche in konstanter Blüte aus den Schrottplätzen der Musikwelt sprießen. Gegenmodelle zum totalen Ausverkauf, Entschleunigung im Alltag – Modelle, die keinen Konservativismus der Formate, sondern viel eher ein Hochhalten der Wertigkeit von Musik und ihrem angeschlagenen Status als Kulturgut für sich einfordern. Liebhaberei, die im Geiste des Do-It-Yourself und mit einem Hang zur Selbstausbeutung Entwicklungen auf ihre Art und Weise kommentiert und dabei Sammlerherzen höher schlagen lässt. Eines dieser vielen Beispiele am Markt blühend-sympathischer Verrücktheit ist das heimische Label Early Morning Melody.

Hervorgegangen aus pararecordings (Hombase für Acts wie villalog, dogboy!, 78plus u. a.), ist das selbsternannte „Vinyl-Liebhaber-Label“ um Ideenschmied Hannes Surtmann darauf bedacht, sich mithilfe innovativer Schallplatten-Editionen nachhaltig eine Nische innerhalb der heimischen Musiklandschaft einzurichten. Bei Betrachtung bisheriger Releases fällt eine musikalische Vielfalt zwischen den Vinyl-Rillen auf, die sich abseits jeglicher Genre-Zwänge auch in den unterschiedlichen Darstellungs- und Präsentationsformen widerspiegelt. Im Label-Katalog nachzuschlagen unter den 7˝-Vinylausgaben von Stephan Sperlichs „Gnorf“, „Staub“ von Scheffenbichler (einer auf 100 Stück limitierten Pressung mit jeweils unterschiedlichen Lurch-Motiven) sowie Spring And The Land und ihrer 12˝ „Walk Like Ann“ (mit einem Remix von Patrick Pulsinger).

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Apropos Spring And The Land: Diese haben uns unlängst das Warten auf den für Juni angekündigten Nachfolger ihres Debüts „The Outside“ (2010) ein wenig erleichtert. Die einst unter dem Namen dogboy! aktiven Grazer Jacques Bush und Marino Acapulco verpackten vergangenen Herbst zwei ihrer Singles aus dem Jahr 2002 in neues Gewand und auf 7˝-Vinyl. Der einstige Elektro-Pop wich dabei einer düsteren Welle eingängiger Romantik („Superbitch“) und zart-melodischem Folk-Pop („Flowers“).

Der jüngste Liebhaber-Coup kommt mit einer ebenso unkonventionellen wie optisch ansprechenden Symbiose unterschiedlicher Medienträger daher: Schallplatte und Ansichtskarte, bereits in den 1950er-Jahren beliebte Kombinationsform von Bild und Ton. Eine gegenwärtige Adaption „tönender Postkarten“ nennt sich „Soundcards 01“ und ist Start einer von Early Morning Melody initiierten Veröffentlichungsreihe. Die Erstausgabe beinhaltet vier kunstvoll designte Vinylpostkarten im A6-Format mit einem Fassungsvermögen von je 120 Sekunden. Soundbeiträge von Maja ­Osojnik, microthol, Daniel Lercher und Bernhard Fleischmann liefern dabei einen komprimierten Querschnitt der Wiener Elektronikszene. Damit die Soundcards ihren Vorbildern, den Ansichtskarten, gerecht werden, sorgen Bilder und Fotografien von Rania Moslam, Elsa Okazaki, Krups Gruber und Josefine Anzböck für den optischen Aufputz.

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Hören, fühlen, verschicken? Vor dem Gang aufs Postamt sollte man den Tonträger mithilfe des Downloadcodes vielleicht doch noch entkörpern. Oder aber die Soundcards vor ihrer Frankierung zumindest noch mal in den Händen halten, schließlich ist die Auflage limitiert und wird wohl bald unter dem Status einer vergriffenen Sammeledition laufen. Als haptisches Erlebnis bleibt dann nur mehr der Mausklick in die digitale Datenwolke. (Simon Olipitz, Malmoe#62, 2013)

 

Alle Fotos; Klaus Pichler

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